Mein Bruder
Seit ich die Welt, meine Welt, kenne und ersehe war mein älterer
Bruder bereits da. Ich konnte
mich darauf verlassen dass er die Welt
belebt und vor mir und oft missvergnügt über mich war.
Er war häuslich, ordentlich, sparsam, haushälterisch. Immer
hielt er irgendwelche Köstlichkeiten
als Reserve zurück,
seien es Äpfel oder gar eine Schokolade gewesen. Oft stahl ich ihm
einen
Teil seiner Schätze, ich war asozial gierig und sein
Triebverzicht reizte mich und ich bereicherte
mich. Oft war er
böse auf mich und mit Grund! und puffte mich mit Boxhieben; neben
Schmerz
und Ärger kam mir auch die Gewissheit dass er der
Stärkere war und letztlich mich auch be-
schützen könnte
(und es auch tat durch seine Sozialstellung / Rang in der Gruppe auf
der Strasse).
Als wir -ich noch nicht eingeschult- ins Internat mussten litt ich
nicht sosehr, da er bei mir war und
Teil des Zuhauses. Später im
Beruf wählte ich seinen, war leider aber viel schlechter und
fauler
als er und machte seinem Namen in der Gruppe am Arbeitsplatz
keine Ehre. Mein Bruder war
so tüchtig dass er ab dem 3.Lehrjahr
bereits Gesellengehalt bezog und Schicht arbeitete (60
Stunden in der
Nacht oder 72 Stunden am Tag (damals war 48Arbeitstunden
wöchentlich Normal-
arbeitszeit)). So konnte er unsere vaterlose
Familie miterhalten, was sehr wichtig und notwendig
war.
Viel sprachen wir abends vorm Einschlafen miteinander: Ich brachte die
Themen und er schmückte
sie aus und wir erzählten uns
Geschichten aus dem Stehgreif, stundenlang. Oft stürmte dann
unsere
Mutter herein und mahnte uns zum Schlafen wegen des kommenden
Arbeitstags. So ging das
Jahre. Später gingen wir gemeinsam in die
diversen Kneipen, tranken Bier und rauchten und
quatschten mit den
anderen jungen Leuten. Dann ging ich auf Jahrzehnte ins Ausland.
[...]
Noch heute schmerzt mich ein Irrtum von ihm den ich verursacht hatte:
Ich schrieb ihm aus Berlin
einen Brief und gab als Jahresdatum anni
currentis (abk a.c.) an, meine autodidaktischen Bildungs-
früchte
herzeigend. Er las das als "am Clo" (auf der Toilette) und schrieb
empört zurück er sei der
große verantwortungsvolle
Bruder und ich habe kein Recht ihn so herablassend zu schreiben!
Natürlich besserte ich das aus aber ich sah wie er sich sah und er
mich sah, mir das unterstellte...
Später hatte er ein privates Problem und wollte sein Leben
ändern und kam zu mir nach Berlin in
meinem Betrieb und wir
arbeiteten recht ordentlich zusammen, trotzdem musste er sich über
mich
beschweren, da ich in meinem Überschwang ihn nicht
respektvoll genug behandelte; leider erfuhr
ich das erst Jahrzehnte
später und so wurde aus einer von mir angestebten Partnerschaft
nichts.
[...]
Als sein Speiseröhren/Magen- Krebs ausbrach behielt er seine
moralische Stärke bei, ging mutig
und unverdrossen in die diversen
vorbereitenden Eingriffe und Untersuchungen hinein. Inzwischen
war er
Pensionist und die Mittel waren knapper und eher verplant. Ich dachte
ich machte ihm eine
Freude und gebe ihm einiges Geld sodass er ohne
Bedenken seinen heissersehnten Fernseher
mit 200Hertz usw. kaufen
könnte. Tat er auch und hat sich sehr gefreut über das Teil.
Wir telefonierten täglich, oft zweimal. Und vor paar Tagen sagte
er, er werde meine hilfreichen
Gespräche nicht vergessen und ich
sagte ihm Du bist mein großer Bruder und was kann ich noch
für Dich tun.
Am Samstag, den 22.August 2009, ist mein lieber Bruder aufgrund eines
Sturzes in seiner
Wohnung an den Folgen und an insgesamter
Schwäche, vor der vielleicht rettenden Operation,
in der
Chemotherapiephase, gestorben.